Streit um britische Geschichte: Historiker kritisiert Doppelmoral


News Redaktion
International / 23.02.21 08:24

In einem Streit um die britische Kolonialgeschichte hat ein Historiker der Regierung in London Doppelmoral vorgeworfen. "Einerseits kündigt die Regierung an, die Meinungsfreiheit an Universitäten zu verteidigen", sagte Steve Hewitt von der Universität Birmingham der Deutschen Presse-Agentur. Andererseits werde versucht, Forschung einzuschränken, die das vorherrschende Bild des British Empire und historischer Persönlichkeiten wie Ex-Regierungschef Winston Churchill in Frage stellt. "Das bedeutet Redefreiheit für Menschen, denen die Regierung zustimmt, aber Einschränkungen für die, denen sie nicht zustimmt", sagte Hewitt.

ARCHIV - Die Winston-Churchill-Statue auf dem Parliament Square, nachdem sie am Donnerstag (10.09.20), dem letzten Tag der «Extinction Rebellion» Demonstrationen, mit der Aufschrift «Ist ein Rassist» beschrieben wurde. (Zu dpa: «Streit um britische Geschichte: Historiker kritisiert Doppelmoral») Foto: Alberto Pezzali/AP/dpa (FOTO: Keystone/AP/Alberto Pezzali)
ARCHIV - Die Winston-Churchill-Statue auf dem Parliament Square, nachdem sie am Donnerstag (10.09.20), dem letzten Tag der «Extinction Rebellion» Demonstrationen, mit der Aufschrift «Ist ein Rassist» beschrieben wurde. (Zu dpa: «Streit um britische Geschichte: Historiker kritisiert Doppelmoral») Foto: Alberto Pezzali/AP/dpa (FOTO: Keystone/AP/Alberto Pezzali)

Am heutigen Dienstag will Kulturminister Oliver Dowden bei einem runden Tisch die wichtigsten historischen Einrichtungen des Landes auffordern, einen allgemeineren Blick auf die britische Geschichte zu werfen. Zuletzt hatten konservative Kräfte empört auf Ankündigungen historischer Stätten reagiert, die Verwicklung ihrer früheren Eigentümer in den kolonialen Sklavenhandel zu untersuchen und deutlich zu machen. Die Debatte hatte aufgrund der Black-Lives-Matter-Proteste im Sommer 2020, bei denen in mehreren britischen Städten Denkmäler beschmiert und umgeworfen wurden, an Dynamik gewonnen.

In der Regierung von Premierminister Boris Johnson gebe es ein tiefgreifendes Missverständnis davon, was Geschichte ist, sagte Hewitt. Geschichte ist keine Art Tatsache, die sich nie ändert und auf Steintafeln geschrieben von Generation zu Generation weitergegeben wird. Hewitt kritisierte, die Politik der Regierung biete die Grundlage für Einschüchterungsversuche. Sie bringt alternative Ansichten zum Schweigen und verhindert ein umfassenderes Verständnis der Vergangenheit, sagte er. Ziel sei es, Versuche zu unterdrücken, die Kolonialgeschichte umfassender aufzuarbeiten. Der nationale Mythos wird mit der Geschichte verschmolzen.

Auch der Brexit spiele eine Rolle in der Debatte, sagte der Historiker. Universitäten würden von Befürwortern des EU-Austritts als Feinde des Brexit-Projekts angesehen, das vor allem von englischem Nationalismus geschürt worden sei. Nationalismus wird zum Teil von historischen Mythen angetrieben, daher stammt eine Wut gegen diejenigen, die diese Mythen in Frage stellen.

(sda)


Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Einfamilienhaus in Neuhaus SG nach Brand unbewohnbar
Schweiz

Einfamilienhaus in Neuhaus SG nach Brand unbewohnbar

Beim Brand eines Einfamilienhauses in Neuhaus ist am Donnerstag Sachschaden von mehreren hunderttausend Franken entstanden. Die beiden Bewohner konnten sich in Sicherheit bringen. Sie wurden vom Rettungsdienst zur Kontrolle ins Spital gebracht.

Deutscher Bundestag bestätigt
International

Deutscher Bundestag bestätigt "epidemische Lage" wegen Corona

Der Bundestag hat in Deutschland wegen der Corona-Pandemie weiterhin eine "epidemische Lage von nationaler Tragweite" festgestellt. Einem entsprechenden Antrag der grossen Koalition stimmten am Donnerstag auch Grüne und Linke zu. Die FDP enthielt sich, die rechtspopulistische AfD votierte dagegen.

Platz 7 in der 4x5-km-Staffel
Sport

Platz 7 in der 4x5-km-Staffel

Das Schweizer Frauen-Quartett läuft an der WM in Oberstdorf mit der Staffel über 4x5 km in 7. Rang. Das ist nahe am Optimum.

Zwei Prozent der Zürcher KMU werden wegen Corona aufgeben
Schweiz

Zwei Prozent der Zürcher KMU werden wegen Corona aufgeben

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) im Kanton Zürich erzielten im Jahre 2020 wegen der Corona-Krise teils deutlich tiefere Umsätze. Zwei Prozent von ihnen gehen davon aus, dass sie den Betrieb einstellen müssen.