Nach Fukushima-Gau: Radioaktives Wasser soll gefiltert ins Meer


Roman Spirig
International / 13.04.21 13:37

Japan will trotz aller Bedenken und Proteste riesige Mengen von radioaktivem Kühlwasser, die sich seit der Atomkatastrophe in Fukushima vor gut zehn Jahren angesammelt haben, filtern und dann ins Meer leiten.

Nach Fukushima-Gau: Radioaktives Wasser soll gefiltert ins Meer (Foto: KEYSTONE / AP / Eugene Hoshiko)
Nach Fukushima-Gau: Radioaktives Wasser soll gefiltert ins Meer (Foto: KEYSTONE / AP / Eugene Hoshiko)

Diese Entscheidung traf das Kabinett von Ministerpräsident Yoshihide Suga am Dienstag. Der Kraftwerksbetreiber Tokyo Electric Power Company (Tepco) will voraussichtlich in zwei Jahren damit beginnen, das Wasser ins Meer einzuleiten.

Anwohner, Umweltaktivisten und Fischereiverbände fürchten um die Umwelt und den für Japans Bevölkerung so wichtigen Fisch als Nahrungsmittel. Nachbarländer wie China, Taiwan und Südkorea sind empört.

Als Grund für das umstrittene Vorhaben gibt der Betreiber an, dass Platz für die Behälter mit dem radioaktiven Wasser auf dem Gelände der Atomruine Fukushima Daiichi fehlt. Mit dem Wasser kühlt Tepco drei der Reaktoren, in denen es am 11. März 2011 nach einem Seebeben und einem darauf folgenden Tsunami zu einer Kernschmelze gekommen war. Fast 20 000 Menschen verloren damals ihr Leben.

Mehr als 1,2 Millionen Tonnen Wasser in mehr als 1000 riesigen Tanks sind nun auf dem Gelände gelagert. Der Platz für die Tanks sei im Jahr 2022 erschöpft, so Tepco. Örtliche Beamte und einige Experten sagen jedoch das Gegenteil.

Experten weisen auch darauf hin, dass radioaktiv verseuchtes Wasser auf dem Gelände zwar behandelt werden, aber das Filtersystem ALPS das Isotop Tritium nicht herausfiltern kann. Isotope sind Atomarten. Die Regierung und auch der Betreiber argumentieren, Tritium sei in geringen Mengen nicht schädlich für die menschliche Gesundheit.

Doch die Bürgerkommission für Nukleare Energie mit Sitz in Tokio betonte, Tritium sei immer noch radioaktives Material und sollte nicht in die Umwelt gebracht werden.

In der Kommission sitzen auch Experten, die der Regierung in einer Pressekonferenz einen Gegenvorschlag unterbreiteten: Statt das Wasser ins Meer zu leiten, solle es in einem mit Mörtel versiegelten System aus grossen Tanks auf Land gelagert werden. Doch das zuständige Ministerium und auch die Presse hätten das Problem heruntergespielt und die Bürgerkommission ignoriert, sagen Mitglieder. Auch der Verband der japanischen Fischereikooperativen und der dortige Ableger der Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisierten die Pläne scharf.

Dabei ist Tritium anderen Experten zufolge nicht das einzige Problem. Das Tankwasser belasten nach Angaben des US-Experten Ken Buesseler noch andere radioaktive Isotope mit teils wesentlich längerer Halbwertszeit, die sich zudem deutlich stärker in Meereslebewesen und Sedimenten am Meeresgrund ansammelten. Sie bedeuten demnach weitaus länger und auf komplexeren Wegen eine potenzielle Gefahr für Mensch und Umwelt als Tritium.

Die Proteste von regionalen Nachbarn kamen umgehend. Diese Entscheidung der japanischen Regierung kann nicht akzeptiert werden, sagte Südkoreas Minister für die Koordinierung der Regierungspolitik, Koo Yun Cheol, in Seoul. Koo warf Tokio vor, einseitig entschieden zu haben, ohne sich vorher ausreichend mit den Nachbarländern zu beraten. Die Freisetzung von verstrahltem Wasser bedrohe die Sicherheit dieser Länder und die Meeresumwelt.

Auch China kritisierte Japans Pläne scharf. Aussenamtssprecher Zhao Lijian äusserte am Dienstag vor der Presse in Peking die ernste Sorge der chinesischen Seite. Es ist hoch unverantwortlich und wird sich schwer auf die Gesundheit und die Interessen der Menschen in Nachbarländern auswirken. Taiwans Atomenergierat sprach von einer bedauerlichen Entscheidung.

Das US-Aussenministerium teilte indes mit, Japan habe die Entscheidung transparent getroffen und scheine einen Ansatz gewählt zu haben, der den weltweit anerkannten Standards für nukleare Sicherheit entspreche.

Die Proteste gegen das Vorhaben sind in Japan diesmal ungewöhnlich stark. Aus Sicht von Kommentatoren ist aber schwer absehbar, ob sie das Projekt kippen können. Vor allem Chinas Reaktionen könnten grossen Einfluss haben, hiess es.

(sda)


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