Literatur der Romandie strahlt über die Sprachgrenze


News Redaktion
Schweiz / 14.01.22 08:03

Autoren wie Philippe Jaccottet, Bruno Pellegrino und Frédéric Pajak oder die Autorin José-Flore Tappy geniessen in der Romandie grosse Strahlkraft. In der Deutschschweiz sind sie weniger bekannt. Umso wichtiger sind vermittelnde Übersetzungen ins Deutsche.

Leserinnen und Leser in der Romandie schätzen ihre Autorinnen und Autoren. Dank Übersetzungen finden literarische Trouvaillen von Philippe Jaccottet, José-Flore Tappy, Bruno Pellegrino oder Frédéric Pajak auch in der Deutschschweiz ihre Liebhaber. (Archivbild) (FOTO: Keystone/MARTIAL TREZZINI)
Leserinnen und Leser in der Romandie schätzen ihre Autorinnen und Autoren. Dank Übersetzungen finden literarische Trouvaillen von Philippe Jaccottet, José-Flore Tappy, Bruno Pellegrino oder Frédéric Pajak auch in der Deutschschweiz ihre Liebhaber. (Archivbild) (FOTO: Keystone/MARTIAL TREZZINI)

Der im waadtländischen Moudon geborene Philippe Jaccottet (1925-2021) gehört zu den Klassikern der französischen Literatur. Kurz vor seinem Tod im vergangenen Februar beendete er sein letztes Buch mit Gedichten und Prosa, das auf Deutsch vorliegt.

Mit wachem Blick und ruhiger Ergriffenheit blickt der 95-Jährige auf die Landschaft der Vaucluse, die ihm zur Wahlheimat geworden ist. Das abendlich erklingende Vesperläuten des Klosters Clarté Notre-Dame lässt den Dichter stille Einkehr halten.

Die kleine Glocke meiner Kindheit verbindet sich für ihn mit der Poesie Hölderlins, dieses verrückten Heiligen. Doch der wunderbare Erinnerungskern wird verschattet von einer Zeitungsnotiz. Ein Journalist berichtet, wie er einem syrischen Foltergefängnis entkommen ist. Wie viel wert ist das Kostbarste des eigenen heilen Lebens, fragt der Autor, vor dem wachsenden Entsetzen desjenigen, der durch den Korridor eines syrischen Gefängnisses geht.

Die Dichterin José-Flore Tappy war Jaccottet als Freundin wie als Herausgeberin seiner Werkausgabe eng verbunden. Von ihr ist jüngst der Gedichtband Trás-os-Montes auf Deutsch erschienen. Sie hat dafür 2019 einen Schweizer Literaturpreis erhalten.

Tappy führt ihre Leserinnen und Leser in den kargen Norden Portugals, wo das Leben in scheinbarer Zeitlosigkeit verharrt. In lyrischer Verdichtung erzählt sie von einer Frau, die von morgens bis abends putzt, kocht, wäscht oder jätet. In ihr Tun versunken, überhört sie / unsere Rufe, hebt nicht einmal / den Kopf, wenn sie angesprochen wird.

Betont sachlich und präzise beschreibt Tappy diese alltäglichen Verrichtungen, was jeden Tag / seit Jahrzehnten / schon geschieht. Sie liebt kurze Worte und geraffte Wendungen, die eine prägnante Sprachmelodie erzeugen.

Ein Freund und Vorbild Jaccottets war Gustave Roud (1897-1976), der grosse Dichter der paysage vaudois. Ihm widmet der junge Autor Bruno Pellegrino den dokumentarisch geprägten Roman Wo der August ein Herbstmonat ist. Gustave und seine Schwester Madeleine verbrachten ihr ganzes Leben auf dem elterlichen Bauernhof unweit von Moudon. Sie war im Dorf aktiv und bestellte den üppigen Garten, er galt als Kauz, der durch die Gegend wanderte und diese in Versen von grosser Schlichtheit und Anschaulichkeit beschrieb.

Mit Empathie schildert Pellegrino dieses ebenso beschauliche wie erfüllte Leben. Ohne näher auf die Gedichte von Roud einzugehen, konzentriert er sich auf die zwei Menschen, die in der Lage waren, Dinge, Blumen und Tiere zu benennen, während er, der Erzähler, für alles eine Internethilfe benötige.

Mit dem Eingeständnis, in Einzelheiten vielleicht falsch zu liegen, entwirft Pellegrino eine in sich ruhende Welt, die das Glück in der Bescheidenheit und im Naturwüchsigen preist.

Einen Kontrapunkt zu dieser Traditionslinie bildet der Autor und Zeichner Frédéric Pajak, der Träger des Schweizer Grand Prix Literatur 2021. Mit Tusche und Text setzt er sich in seinem auf neun Bände angelegten Ungewissen Manifest mit Wahrheitssuchern wie Walter Benjamin oder Friedrich Nietzsche auseinander. In seinem 6. Band aber wendet er sich ganz der eigenen Biographie zu, um seine verschütteten, früheren Schmerzen dem Verdrängen und Vergessen zu entreissen.

Der idealisierte Vater kam früh bei einem Autounfall ums Leben, kurz nachdem sich die Eltern getrennt hatten. Die Mutter suchte sich wechselnde neue Partner, mit denen der Junge schlecht zurecht kam. Die Texte werden eng von expressiven Tuschzeichnungen begleitet, die den Inhalt variieren, nie bloss illustrieren.

Wir sind, was wir können, stellt Pajak nüchtern fest. Nachdenklich verlegt er die Wahrheitssuche auf die eigene Lebensgeschichte, die er intim, aber jederzeit diskret und ohne falsches Pathos behandelt.*

*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

(sda)


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