Gespräche unter Freunden: Die Graphic Novel "Nachtgestalten"


Roman Spirig
Schweiz / 22.02.21 13:25

Bier verbindet und lockert die Zunge. Die Graphic Novel "Nachtgestalten" von Jaroslav Rudiš und Nicolas Mahler begleitet zwei Männer durch die Nacht, auf der Suche nach einer offenen Kneipe. Ein abgründig-hintersinniges Vergnügen.

Gespräche unter Freunden: Die Graphic Novel Nachtgestalten (Foto: KEYSTONE /  / )
Gespräche unter Freunden: Die Graphic Novel Nachtgestalten

Zwei Männer, ein Dünner und ein Dicker, gehen unter einem hellen klaren Mond durch die dunkle Stadt. Der eine redet, der andere hört zu, und wo immer sich ein helles Fensterlicht abzeichnet, treten sie ein, auf ein Bier oder zwei.

Nachtgestalten ist eine wunderbar schlichte Graphic Novel. Die beiden Freunde reden über das Leben und über Hana, die sie beide nicht bekommen haben. Doch es gebe Hoffnung, wirft der Dünne auf einmal ein. Er wolle ein Wisent werden, wie ein solches einsam durch die Wälder streifen, denn Wisente wüssten, wie das Leben läuft. Hinter der Komik lauert der Abgrund. Der Dünne mag ja gar keine Natur.

Zwei ebenso umtriebige wie subtile Autoren finden hier zusammen. Auf der einen Seite Nicolas Mahler, der in der NZZ am Sonntag jeweils einen listigen Schluss-Strich unter die Woche zieht und mehrfach mit kongenialen Comic-Adaptionen von Romanen wie Ulysses brilliert hat.

Auf der anderen der zweisprachige Jaroslav Rudiš, der in seinem letzten Roman Winterbergs letzte Reise (2019) eine tiefe Faszination für die Geschichte seiner böhmischen Heimat offenbart hat. Davon ist auch der Dünne betroffen, der traurig gesteht: Die Geschichte macht mich fertig. Er kann die Grausamkeiten des Holocaust nicht vergessen, dem seine Grosseltern zum Opfer fielen.

Rudiš und Mahler erzählen von den beiden Nachtgestalten mit feiner Zurückhaltung. Mahlers Bilder variieren eine gleichförmige Szenerie mit feinsten Mitteln und unscheinbaren Details. Und Rudiš setzt ein Zwiegespräch dazu, das trotz seines Witzes unterschwellig von einer tiefen Traurigkeit zeugt.*

*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

(sda)


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