Epstein-Barr-Virusinfektion als Auslöser von MS erhärtet


News Redaktion
Schweiz / 13.01.22 20:00

Eine im Fachmagazin "Science" publizierte Studie untermauert, dass eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus die Hauptursache für multiple Sklerose zu sein scheint. Mit einer Impfung oder antiviralen Therapien liesse sich die Nervenkrankheit womöglich verhindern.

Eine abstrakte Abbildung eines Nervenzellen-Netzwerks: Multiple Sklerose, eine entzündliche Erkrankung der Nervenzellen, scheint durch eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus ausgelöst zu werden. (FOTO: Pixabay)
Eine abstrakte Abbildung eines Nervenzellen-Netzwerks: Multiple Sklerose, eine entzündliche Erkrankung der Nervenzellen, scheint durch eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus ausgelöst zu werden. (FOTO: Pixabay)

Fast jeder Mensch infiziert sich in seinem Leben mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV). Meistens verläuft die Infektion unbemerkt, einige erkranken am Pfeifferschen Drüsenfieber. Doch das Virus wird man nicht los: Es schlummert in bestimmten Zellen des Immunsystems vor sich hin - und könnte eine Ursache für die Nervenkrankheit multiple Sklerose (MS) sein, wie Forschende seit geraumer Zeit vermuten.

Eine umfassende Studie unter der Leitung von Alberto Ascherio, Professor an der Harvard T.H. Chan School of Public Health, erhärtet diese These nun. Das Team, dem auch Jens Kuhle von der Universität Basel angehört, analysierte Blutproben von mehr als zehn Millionen US-Militärangehörigen. Während zwanzig Jahren wurde deren Blut routinemässig auf HIV getestet.

In die Studie wurden 801 Personen eingeschlossen, die während ihres Dienstes an multipler Sklerose erkrankt waren. 35 der Betroffenen waren bei der ersten Blutentnahme noch EBV-negativ. Allerdings infizierten sich 34 von ihnen vor dem Ausbruch der multiplen Sklerose mit dem Virus. Somit waren alle bis auf eine Person zum Zeitpunkt des Beginns der MS-Krankheit EBV-positiv.

Aus den Daten ging ebenfalls hervor, dass die Konzentration sogenannter leichter Neurofilamente nach der Virusinfektion anstieg. Diese Filamente gelten als MS-Biomarker, die Schäden an Nervenzellen widerspiegeln. Dies spreche dafür, dass der Krankheitsprozess tatsächlich erst mit dem Beginn der Infektion eingesetzt habe, sagte Neuroimmunologe Roland Martin vom Universitätsspital Zürich, der nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber dem Science Media Center.

Zudem fanden die Forschenden keinen Zusammenhang zwischen einer MS-Erkrankung und einer Infektion mit dem Cytomegalovirus, das ebenfalls sehr weit verbreitet ist, und einer MS-Erkrankung. Die Ergebnisse können durch keinen bekannten Risikofaktor erklärt werden und legen nahe, dass EBV die Hauptursache für MS ist, schliessen die Autoren.

Für den Zürcher Mediziner Martin geht diese Schlussfolgerung allerdings etwas zu weit: Zum einen gebe es eine Vielzahl von Genen, die das Risiko einer MS-Erkrankung jeweils erhöhen könnten. Zum anderen spielten auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle.

Hierzu gehörten unter andrem niedriges Vitamin D, Rauchen, Schichtarbeit sowie bestimmte Darmbakterien. Ob nun das EBV der wichtigste Umweltfaktor ist oder einer unter mehreren, kann die Studie meines Erachtens nicht abschliessend klären, so Martin.

Auch die US-Forscher William Robinson und Lawrence Steinman von der Universität Stanford vermuten in einem Begleitartikel zur Studie, dass eine EBV-Infektion wahrscheinlich notwendig, aber nicht ausreichend sei, um die Entwicklung von MS auszulösen: Die Infektion mit EBV ist der erste pathogene Schritt bei MS, aber für die vollständige Pathophysiologie müssen noch weitere Zündschnüre gezündet werden, schreiben sie.

Eine wirksame Waffe gegen MS könnte eine Impfung gegen das EB-Virus sein, solange man sie vor der Infektion verabreicht. Solche Impfstoffe seien derzeit in der Entwicklung, sagte der Basler Professor, Jens Kuhle, in einer Mitteilung seiner Hochschule und ergänzte: Womöglich könnte man dann auch MS durch eine Impfung verhindern.

Ebenfalls könnten antivirale Therapien ihm zufolge eine vielversprechende Alternative sein. Denn es bestehe zumindest die Möglichkeit, dass EBV nicht nur als Auslöser eine Rolle spielt, sondern auch bei der Auslösung von Entzündungsschüben.

Die US-Forscher Robinson und Steinman diskutieren in ihrem Artikel ebenfalls verschiedene Optionen für Therapien und wagen sogar die Aussage: Jetzt, da der erste Auslöser für MS identifiziert wurde, könnte MS vielleicht ausgerottet werden.

(sda)


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